Leserbrief
Liebe Frau Bales,
mit tiefer Betroffenheit, Verstörung und Scham über deutsche Verbrechen gegen Sinti und Roma während der Nazi-Herrschaft habe ich gestern Ihren Roman "Bitten der Vögel im Winter" zu Ende gelesen. Manchmal konnte ich wegen der unmenschlichen Grausamkeiten in Ihrer Erzählung nicht weiterlesen und musste eine Pause einlegen. Bei einigen "Fällen" dachte ich, es sei unerträglich. Szenen in Ihrem sachlich geschriebenen Roman sind so genau und detailliert, dass sie wie Dokumente/Protokolle wirken; viele Dialoge mildern etwas die brutalen Beschreibungen. Der Spannungsbogen Ihrer Erzählung wird durch das seltsame und kalte (Liebes-)Abhängigkeitsverhältnis zwischen Eva Justin und Robert Ritter bis zu Schluss des Buches aufrecht erhalten und gesteigert. Was für unmenschliche "Menschen"wesen !
Während der Lektüre habe ich oft an meine damals 15jährige Tochter Babette gedacht, die - wir wohnten damals in Berlin - völlig verstört, ratlos und verzweifelt zurück von einer Klassenfahrt nach Auschwitz mich mit Tränen in den Augen tagelang fragte: "Papa, wie war das nur möglich, wie konnten Deutsche solch brutale Verbrechen begehen, wie konnte die Humanität so vergessen werden, wie war es mit unserer Familie?"
Obwohl Sie Ihr Buch Roman nennen, hatte ich bisweilen bei der Darstellung der NS-Verbrechen der Täter, auch der von Justin und Ritter, das Gefühl, Sie hätten "fiktionsfrei" protokolliert - so realistisch präzise, wie mit einem Skalpell haben Sie die unmenschliche brutale Grausamkeit und Gewissenlosigkeit, die Menschen-Quälerei bis zur Ermordung seziert. Sie haben einen "großen Roman", literarisch und politisch wichtig und nachhaltig, geschrieben. Ja, es scheint mir wirkungsvoller, diese Verbrechen in eine literarische Erzählung zu fassen als in eine Dokumentation. Denn davon gibt es schon viele, so dass ein Abstumpfungsprozess eintreten kann. Ihr Roman müsste schulische Pflichtlektüre für alle Jugendlichen sein, damit die Quälereien und Morde, auch die Schreibtischtäter und die deutsche Schuld niemals vergessen werden - auch nicht in den nächsten Generationen. Pflichtlektüre müsste Ihr Roman auch für alle heutigen Rassisten, Rechtsradikale und AfD'ler sein; obwohl es bei denen ohne Wirkung bleiben würde und als Fälschung abgetan oder als "Fliegenschiss der Geschichte" verharmlost würde.
Eindrucksvoll, liebe Frau Bales, fand ich auch Ihre subtile Erzählung über das Mitläufertum und das Angstschweigen. Die Frauen Moser, Hellke, Goll, Nickel und Witzendorf zum Beispiel sind in Ihrem Roman ja nicht wirklich Opposition, sondern aus welchen persönlichen Gründen auch immer Mitläuferinnen, Duckmäuser, Gleichgültige. Wäre das heute anders? Gerade dieses Mitläufer-Verhalten haben Sie in Ihrem Roman auf eine allgemein gültige, literarische Ebene gehoben, was eine Verallgemeinerung möglich macht.
Und die Psychogramme der Protagonisten Robert Ritter und Eva Justin? Das ist in Ihrem Roman so glaubhaft, überzeugend und nachvollziehbar, dass ich sexuelle Hörigkeit und emotionalen Psychoterror in Büro und Schlafzimmer meinte greifen zu können.
Bleibt die Nachkriegszeit mit ihrer Vertuschung und Persilschein-Verfahren und Weiterbeschäftigung in Arbeitsleben und (Bundes-)Politik. Ich musste an den Nachkriegsfilm von Staudte 1946 mit Hildegard Knef "Die Mörder sind unter uns" denken. Aber der Film war und ist nur ein laues Lüftchen gegenüber der Wucht Ihres Romans.
Liebe Frau Bales, ich danke Ihnen für diesen Roman; er wird mir mein Leben lang in Erinnerung bleiben und mich nachdenklich machen. Herzliche Grüße, Ihr Helmut Pütz.
